Das auf drei Jahre angelegte Forschungsprojekt des Deutschen Forums für Kunstgeschichte in Kooperation mit der Klassik Stiftung Weimar erkundet die Weimarer Klassik in ihrer ästhetischen Positionierung, Aneignung und Übersetzung im Zeichen eines transnationalen, intermedialen und performativen Kulturtransfers. Es wird geleitet von Prof. Dr. Andreas Beyer (DFK) und Dr. Johannes Grave (DFK) sowie PD Dr. Thorsten Valk (Klassik-Stiftung Weimar). Die Teilprojekte werden realisiert von Dr. Christiane Holm (Weimar), Dr. Sebastian Böhmer (Weimar) und Dr. des. Boris Roman Gibhardt (DFK, Paris). Eine Ausstellung im Rahmen des Forschungsprojekts wird 2012/13 in Paris und Weimar gezeigt.
Die Weimarer Klassik lässt sich als umfassender und tiefgreifender kultureller Übersetzungsprozess kennzeichnen. So eigenständig und genuin schöpferisch die Weimarer Kultur um 1800 auch wirkte, beruht sie doch in einem erheblichen Maße auf der Aneignung, Übersetzung und Interpretation von Kulturleistungen verschiedener Zeiten und Räume. Der Prozess des Kulturtransfers lässt sich an den erhaltenen Sammlungen, etwa Goethes oder der Herzogin Anna Amalia, aber auch an den Ausstattungen, Intérieurs und der Erwerbungspolitik des Weimarer Fürstenhauses und Bürgertums, und nicht zuletzt an den in Weimar konzipierten, vormodernen Begriffen der „Weltliteratur" und „Weltkultur" in einer seltenen ästhetischen Vielgestaltigkeit erfahren. Was die Weimarer Klassik in diesem Zusammenhang auszeichnet, ist die Bindung von kultureller Übertragung, Verständigung und Vergegenwärtigung an die sinnliche Erfahrung, das heißt an die Materialität des Überlieferten und an die Anschauung als einer eigenen, Wahrnehmung und Wissen vermittelnden Erkenntnisform. Aus der lokalen Begrenztheit zog die Weimarer Klassik den Vorteil einer besonderen kulturellen Verdichtung, die, als ästhetisch geformtes kulturelles Gedächtnis, gerade einer hoch entwickelten Kultur ästhetischer Erfahrung dienlich war. Sinnlichkeit, Materialität und Anschauung bestimmen daher als Leitkonzepte die Auseinandersetzung mit der kulturhistorischen Formation der Weimarer Klassik, der sich das Projekt in drei Bereichen nähert. Gemeinsame Voraussetzung dieser Auffächerung ist dabei die These, dass sich die Weimarer Klassik weder in eine sinnliche, nur der unmittelbaren Anschauung verpflichtete Beschäftigung mit materiellen Gegenständen, noch in eine nur diskursive, sich von der Materialität lösende Theorie aufteilen ließe. Die literarische Leistung der Weimarer Klassik ist also nicht losgelöst von der materialen Lebenswelt zu sehen, in der sie entstand, sondern vielmehr als integraler Bestandteil einer programmatisch im Zusammenspiel von Materialität, Performanz und Diskursivität agierenden Weimarer Kultur zu überdenken.
Als Beispiel einer konkreten kulturellen Übersetzungsleistung in gleichsam gelebter Realität führt, in einem ersten Teil des Projekts, das Weimarer Goethehaus die fundamentale Bedeutung, die eine reflektierte ästhetische Erfahrung für die Weimarer Klassik besaß, exemplarisch vor Augen. Bereits die Disposition der Räumlichkeiten zeigt an, dass das Haus einer Spannung zwischen alltäglichem Wohn- und Arbeitsraum einerseits und ästhetischer Inszenierung des Dichters und Geheimrats andererseits ausgesetzt war. Neben dieser „Phänomenologie des Wohnens" als anschaulicher Übersetzung von repräsentativem und privatem Gestus an der Schnittstelle einer in sich geschlossenen wie auch welthaltigen Weimarer Gesellschaft ist ein zweiter Teil des Projekts einer weiteren ästhetischen Dimension des Übersetzens zugedacht: der Schrift und den Schreibszenen der Weimarer Klassik. Im Schreiben als Kulturtechnik werden der praktische Vollzug, die Motorik des Schreibens, und die diskursive Funktionalisierung der Schrift, als Notationssystem, enggeführt. Die Schreibtechnik der Weimarer Klassik steht im Zeichen einerseits des Verzichts auf eigenhändiges Notieren beim gleichsam entmaterialisierten Diktat und andererseits der Bedeutung, die der Sammlung von Autographen als vielleicht radikalster Form der Konzentration auf sinnlich-materielle Aspekte der Schrift zukam. Im Repertoire der Schreibformen erscheint eine Kultur des Schreibens, die literarische Imagination und materielle Ortsgebundenheit der Weimarer Klassik ineinander blendet. Der dritte Teil des Projekts schließlich widmet sich den Wegen kultureller Übersetzung am Beispiel des Kulturtransfers zwischen Weimar und Paris. Die Interaktion von französischer Metropole und thüringischer Provinz war nicht nur durch literarische Wechselwirkungen bestimmt. Neben Goethes Lektüre der Zeitschrift „Le Globe" und Germaine de Staёls Weimar-Porträt fungierten vielmehr auch materiale Formen als Träger des Kulturtransfers, populär-kulturelle Medien wie Druckgraphik oder Zeitschriften, die sich einem Kult des Originals zu widersetzen scheinen. Die Pariser Gegenwartskultur - elegantes Leben, museale Sammlungspolitik, philosophische Debatten - stellte eine Folie dar, vor der sich das Weimarer Modell, gleichermaßen abgestoßen und verführt, ästhetisch positioniert.
In dieser Dreiteilung befragt das Projekt mittels einer Analyse der Genese, Binnendynamik und Wirkungsgeschichte der Weimarer Kultur um 1800 zugleich den Begriff der „Klassik" selbst in seiner spezifischen Verwendung in unterschiedlichen Fachdisziplinen und kulturpolitischen Kontexten der Übersetzung und Aneignung. Aus dieser vergleichenden Historisierung ergibt sich letztlich die Frage, inwieweit sich die Weimarer Klassik, auch im Dialog mit ihren parallelen französischen und europäischen Geistesströmungen, anhand konkreter Werke und Zeitdokumente als Formierungsphase der ästhetischen Moderne und ihrer Krisenerfahrung begreifen lässt, und welches Erkenntnispotential die Kunst und Alltagskultur um 1800 für die ästhetischen Dimensionen nunmehr auch postmoderner kultureller, transnationaler und intermedialer Übersetzungsprozesse von Sinnlichkeit und Materialität freisetzen könnte.
Das Projekt - eine Kooperation des Deutschen Forums für Kunstgeschichte Paris und der Klassik Stiftung Weimar - endet 2012 mit einer in Paris und Weimar gezeigten Ausstellung. Es wird geleitet von Prof. Dr. Andreas Beyer (DFK, Paris) und Dr. Johannes Grave (DFK, Paris) sowie PD Dr. Thorsten Valk (Klassik-Stiftung Weimar).
Das Teilprojekt zum Goethehaus als Erfahrungsraum wird von Dr. Christiane Holm (Weimar) realisiert, Dr. Sebastian Böhmer (Weimar) verwirklicht das Teilprojekt zu Schrift und Schreibszenen der Weimarer Klassik und Dr. des. Boris Roman Gibhardt (DFK, Paris) bearbeitet den Transfer-Teil zu Weimar und Paris um 1800. Das Forschungsprojekt wird von einem interdisziplinären Arbeitskreis unterstützt; ihm gehören - neben den Leitern und Mitarbeitern bzw. Mitarbeiterinnen des Projekts - folgende Mitglieder an: Dr. Markus Bertsch (Hamburger Kunsthalle), Dr. Matthias Buschmeier (Universität Bielefeld), Dr. Martin Dönike (Humboldt-Universität Berlin), Dr. Jonas Maatsch (Klassik-Stiftung Weimar), PD Dr. Cornelia Ortlieb (Technische Universität Berlin), Dr. Stephan Pabst (Universität Jena).