![]() Kritische Briefedition aus sowjetischen Beuteakten Das Projekt umfasst die systematische Erschließung und Auswertung von bisher unbekannten Briefen aus dem Teilnachlass des deutsch-jüdischen Kunstkritikers Paul Westheim im Moskauer Sonderarchiv (Russisch Staatliches Militärarchiv) mit dem Ziel, diese in einer kommentierten Quellenedition zu veröffentlichen. Dieses Forschungsvorhaben startete im Oktober 2009 als Kooperationsprojekt des Deutschen Historischen Instituts in Moskau und des DFK Paris und wird von Dr. des. Ines Rotermund-Reynard ausgeführt, die als Post-Doc-Stipendiatin aus Mitteln der ZEIT-Stiftung und der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung finanziert wird. Im Zentrum der Edition stehen die geheimen Briefe, die die deutsche Kunsthistorikerin Charlotte Weidler zwischen 1933 und 1940 an den ins Pariser Exil geflohenen Paul Westheim richtete und in denen sie ihn detailliert über die nationalsozialistische Kulturpolitik informierte. Komplementiert wird die Ausgabe mit einigen bisher unveröffentlichten, ebenfalls an Westheim gerichteten, Künstlerbriefen (Kokoschka, Nussbaum, Heartfield, Pechstein, Freundlich u. a.), sofern sich diese auf die politische und kulturpolitische Situation im damaligen Deutschland beziehen. Der Kunstkritiker Paul Westheim, der sich vor allem als Herausgeber des Kunstblatts im Berlin der Zwanziger Jahre einen Namen gemacht hatte, war bereits 1933 vor den Nationalsozialisten nach Paris geflohen. Dort schrieb er für diverse Emigrantenzeitungen, u.a. für die einzige deutschsprachige Tageszeitung (Pariser Tageblatt/Pariser Tageszeitung), die von 1933 bis Anfang 1940 in der französischen Hauptstadt erschien. Er versuchte, sein Publikum über die nationalsozialistische Kulturpolitik aufzuklären, jedoch agierte er auch als interkultureller Vermittler, der die französische Kunst rezipierte und umfassende Artikelserien über Kunstausstellungen und kulturelle Projekte verfasste. Charlotte Weidler war promovierte Kunsthistorikerin und seit 1925 als Mitarbeiterin am Kunstblatt tätig. Zuvor hatte sie dem Bauhausteam von Walter Gropius angehört. Seit 1924 beriet sie, als Vertreterin für die deutsche Sektion, das amerikanische Carnegie-Institut, das alljährlich internationale Kunstausstellungen in Pittsburgh organisierte. Ihre Arbeit für das Institut erlaubte ihr, das Dritte Reich für berufliche Reisen zu verlassen. Ihre Briefe, die sie zwischen 1933 und 1940 aus Prag, Kopenhagen, aus der Schweiz und Italien, aber auch unter Decknamen aus Berlin nach Paris schickte, bilden einen eindrucksvollen Zeugenbericht dieser unheilvollen Jahre aus kunsthistorischer Perspektive. So berichtete Weidler im Detail über „Säuberungsaktionen" in deutschen Museen, über die jüdischen Sammler und Kunsthändler, die nach und nach Nazi-Deutschland verlassen mussten, über die Reaktionen der von der neuen Kulturpolitik betroffenen Künstler, über die oft widersprüchliche Haltung der Museumsdirektoren und Kuratoren, aber auch über die Schwierigkeiten, moderne Kunst, von den Nazis als „entartet" diffamiert, aus dem Dritten Reich heraus zu schmuggeln oder zu verkaufen. Aufgrund ihrer zeitlichen Nähe zum Geschehen, ihrer intimen Beziehung zu Paul Westheim und der persönlichen Schreibform des Briefes, weisen diese Dokumente einen hohen Grad an Authentizität auf. Sie sind, weit über den biographischen Kontext hinaus, aus historischer und kunsthistorischer Perspektive von Bedeutung, liefern sie doch präzise Informationen über die interne Struktur kunstpolitischer Maßnahmen der nationalsozialistischen Gesellschaft. Das Material ist zudem besonders aufschlussreich für die international geführten Debatten um Raubkunst und Provenienzforschung. Im Rahmen des Projekts werden das DFK Paris und das DHI Moskau gemeinsam ein internationales Kolloquium in Moskau organisieren. |
















